Gunter Dueck auf der re:publica 11 - überbewertet?

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Obwohl ich zur selben Zeit mehrere Tage in Berlin war, habe ich es auch dieses Jahr leider wieder nicht hinbekommen, die re:publica zu besuchen. Schade. Aber in Zeiten des Internet gibt es ja Möglichkeiten und Wege. Viele Vorträge sind schon als Video im Web zu finden. Die Komplettierung ist versprochen. Heute Morgen in der Badewanne fand ich endlich Zeit, mir den ersten in vollen Länge anzusehen. Und natürlich habe ich mir den rausgesucht, der mit am häufigsten positiv erwähnt wurde: Gunter Dueck von der IBM über "Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem". Zusammenfassung hier.

Danach war ich etwas konsterniert. Das soll "der beste" - oder zumindest einer der besten - Vorträge auf der diesjährigen re:publica gewesen sein? Dann muss es ja ansonsten recht finster ausgesehen haben. Nein, mir geht es weder darum, Gunter Dueck zu dissen, noch die re:publica. Gunter Dueck ist ein kluger Mann und angenehmer Redner. Er unterhält ein lesenswertes Blog und hat eine Reihe von anscheinend interessanten Büchern geschrieben. (Das "anscheinend" ist nicht abwertend gemeint. Ich bin bislang aber nur lediglich dazu gekommen, eins quer zu lesen; kann mir also kein Urteil erlauben.)

Aber - mal ehrlich - sein Vortragsstil ist eher gewunden und das, was er erzählt, sollte ein Publikum, wie das auf der re:publica nicht wirklich überraschen. Dachte ich. Wer Gunter Dueck noch nicht erlebt hat, und sich einen Eindruck seiner Aussagen machen möchte, ohne ein längliches Video anzusehen, kann hier bei CARTA einen Artikel sehen, der ähnliche Aussagen in ähnlichem Duktus enthält.

Für einen Nicht-Digital-Native ist das alles sicher ganz putzig zu lesen. Aber Neues ist da nicht dabei. Vielleicht war es auch nur seine provokante Aussage, dass die zunehmende Digitalisierung wirklich immer mehr Jobs vernichten wird, weil dank Internet reines "Wissen" immer weniger wertvoll (auch am Arbeitsmarkt) wird. Auch das ist nichts Neues, aber vielleicht hat es den Anwesenden vorher noch niemand ins Gesicht gesagt, dass damit auch sie gemeint sein. Und einfach mal in den Saal zu rufen "Jammert nicht. Tut was!" ist auch schön.

Aber alles in allem hatte ich nach all den Vorschusslorbeeren mehr erwartet.

p.s.: Wem einfach sein bedächtiger Vortragsstil gefallen hat: Ich glaube nicht, dass der Mann wirklich so ... sagen wir mal "leicht putzig/spiessig" ist, wie er sich produziert. Das ist Show. Einfach mal auf die Augenbewegungen achten, wenn er eine der längeren Pausen macht. Der Mann ist ein Profi. Der setzt seine Pointen bewusst und wartet in diesen Pausen, dass die Lacher kommen - wenn sie nicht sofort kommen. Aber, ein Profi sein, ist ja nichts Schlechtes. Genau davon spricht er ja unter anderem.

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Gunter Dueck auf der re:publica 11 - überbewertet?

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Obwohl ich zur selben Zeit mehrere Tage in Berlin war, habe ich es auch dieses Jahr leider wieder nicht hinbekommen, die re:publica zu besuchen. Schade. Aber in Zeiten des Internet gibt es ja Möglichkeiten und Wege. Viele Vorträge sind schon als Video im Web zu finden. Die Komplettierung ist versprochen. Heute Morgen in der Badewanne fand ich endlich Zeit, mir den ersten in vollen Länge anzusehen. Und natürlich habe ich mir den rausgesucht, der mit am häufigsten positiv erwähnt wurde: Gunter Dueck von der IBM über "Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem". Zusammenfassung hier.

Danach war ich etwas konsterniert. Das soll "der beste" - oder zumindest einer der besten - Vorträge auf der diesjährigen re:publica gewesen sein? Dann muss es ja ansonsten recht finster ausgesehen haben. Nein, mir geht es weder darum, Gunter Dueck zu dissen, noch die re:publica. Gunter Dueck ist ein kluger Mann und angenehmer Redner. Er unterhält ein lesenswertes Blog und hat eine Reihe von anscheinend interessanten Büchern geschrieben. (Das "anscheinend" ist nicht abwertend gemeint. Ich bin bislang aber nur lediglich dazu gekommen, eins quer zu lesen; kann mir also kein Urteil erlauben.)

Aber - mal ehrlich - sein Vortragsstil ist eher gewunden und das, was er erzählt, sollte ein Publikum, wie das auf der re:publica nicht wirklich überraschen. Dachte ich. Wer Gunter Dueck noch nicht erlebt hat, und sich einen Eindruck seiner Aussagen machen möchte, ohne ein längliches Video anzusehen, kann hier bei CARTA einen Artikel sehen, der ähnliche Aussagen in ähnlichem Duktus enthält.

Für einen Nicht-Digital-Native ist das alles sicher ganz putzig zu lesen. Aber Neues ist da nicht dabei. Vielleicht war es auch nur seine provokante Aussage, dass die zunehmende Digitalisierung wirklich immer mehr Jobs vernichten wird, weil dank Internet reines "Wissen" immer weniger wertvoll (auch am Arbeitsmarkt) wird. Auch das ist nichts Neues, aber vielleicht hat es den Anwesenden vorher noch niemand ins Gesicht gesagt, dass damit auch sie gemeint sein. Und einfach mal in den Saal zu rufen "Jammert nicht. Tut was!" ist auch schön.

Aber alles in allem hatte ich nach all den Vorschusslorbeeren mehr erwartet.

p.s.: Wem einfach sein bedächtiger Vortragsstil gefallen hat: Ich glaube nicht, dass der Mann wirklich so ... sagen wir mal "leicht putzig/spiessig" ist, wie er sich produziert. Das ist Show. Einfach mal auf die Augenbewegungen achten, wenn er eine der längeren Pausen macht. Der Mann ist ein Profi. Der setzt seine Pointen bewusst und wartet in diesen Pausen, dass die Lacher kommen - wenn sie nicht sofort kommen. Aber, ein Profi sein, ist ja nichts Schlechtes. Genau davon spricht er ja unter anderem.

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Gunter Dueck auf der re:publica 11 - überbewertet?

Obwohl ich zur selben Zeit mehrere Tage in Berlin war, habe ich es auch dieses Jahr leider wieder nicht hinbekommen, die re:publica zu besuchen. Schade. Aber in Zeiten des Internet gibt es ja Möglichkeiten und Wege. Viele Vorträge sind schon als Video im Web zu finden. Die Komplettierung ist versprochen. Heute Morgen in der Badewanne fand ich endlich Zeit, mir den ersten in vollen Länge anzusehen. Und natürlich habe ich mir den rausgesucht, der mit am häufigsten positiv erwähnt wurde: Gunter Dueck von der IBM über "Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem". Zusammenfassung hier.

Danach war ich etwas konsterniert. Das soll "der beste" - oder zumindest einer der besten - Vorträge auf der diesjährigen re:publica gewesen sein? Dann muss es ja ansonsten recht finster ausgesehen haben. Nein, mir geht es weder darum, Gunter Dueck zu dissen, noch die re:publica. Gunter Dueck ist ein kluger Mann und angenehmer Redner. Er unterhält ein lesenswertes Blog und hat eine Reihe von anscheinend interessanten Büchern geschrieben. (Das "anscheinend" ist nicht abwertend gemeint. Ich bin bislang aber nur lediglich dazu gekommen, eins quer zu lesen; kann mir also kein Urteil erlauben.)

Aber - mal ehrlich - sein Vortragsstil ist eher gewunden und das, was er erzählt, sollte ein Publikum, wie das auf der re:publica nicht wirklich überraschen. Dachte ich. Wer Gunter Dueck noch nicht erlebt hat, und sich einen Eindruck seiner Aussagen machen möchte, ohne ein längliches Video anzusehen, kann hier bei CARTA einen Artikel sehen, der ähnliche Aussagen in ähnlichem Duktus enthält.

Für einen Nicht-Digital-Native ist das alles sicher ganz putzig zu lesen. Aber Neues ist da nicht dabei. Vielleicht war es auch nur seine provokante Aussage, dass die zunehmende Digitalisierung wirklich immer mehr Jobs vernichten wird, weil dank Internet reines "Wissen" immer weniger wertvoll (auch am Arbeitsmarkt) wird. Auch das ist nichts Neues, aber vielleicht hat es den Anwesenden vorher noch niemand ins Gesicht gesagt, dass damit auch sie gemeint sein. Und einfach mal in den Saal zu rufen "Jammert nicht. Tut was!" ist auch schön.

Aber alles in allem hatte ich nach all den Vorschusslorbeeren mehr erwartet.

p.s.: Wem einfach sein bedächtiger Vortragsstil gefallen hat: Ich glaube nicht, dass der Mann wirklich so ... sagen wir mal "leicht putzig/spiessig" ist, wie er sich produziert. Das ist Show. Einfach mal auf die Augenbewegungen achten, wenn er eine der längeren Pausen macht. Der Mann ist ein Profi. Der setzt seine Pointen bewusst und wartet in diesen Pausen, dass die Lacher kommen - wenn sie nicht sofort kommen. Aber, ein Profi sein, ist ja nichts Schlechtes. Genau davon spricht er ja unter anderem.

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Auf der dunklen Seite der Macht? - Apple's "Locationgate"

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So! Ich weiß, dass das meinen Ruf als Fanboy** festigen wird, aber ... ist der Ruf erst ruiniert ... Die Paranoia und vor allem die Sensationsgier in der Berichterstattung hinsichtlich des Sammelns von Positionsdaten auf dem iPhone ist lächerlich bis unappetitlich.

Der Fall an sich wäre nicht einmal besonders erwähnenswert. Er ist aber auch Ausdruck einer vollkommen paranoiden Haltung zum Thema Privacy, die sich in den letzten zwei Jahren entwickelt hat. Diese Paranoia kann man sicherlich als eine Art "Backlash" zum eher laxen Umgang mit dem Thema Datenschutz in der Zeit davor verstehen. Sie wird dadurch aber nicht rationaler. Steve Jobs ist ein Kontrollfreak aber nicht Darth Vader.

Wieso Paranoia?

Ich verwende den Begriff Paranoia, weil einige wichtige klinische Merkmale der Paranoia in diesem Umfeld immer wieder auftreten. Zitat (aus der Wikipedia):

Der Patient hat das Gefühl, verfolgt zu werden, und entwickelt Verschwörungstheorien. Ein paranoider Mensch glaubt oft, dass andere beabsichtigen, ihn zu schädigen, zu betrügen oder auch zu töten.

Als zwei Mitarbeiter der amerikanischen Verlagsgruppe O'Reilly einen Artikel veröffentlichten, in dem beschrieben wird, dass auf dem iPhone eine kleine Datenbank gespeichert ist, in der Orte verzeichnet sind, in deren Nähe sich dieses iPhone in den letzten Monaten aufgehalten hat, war der mediale Aufschrei sofort groß. Der Tenor lautete "Sie verfolgen uns, um dann ...." Was genau "dann" Finsteres passieren sollte, wusste niemand genau zu sagen. Aber "Sie verfolgen uns" war schon genug, dass selbst die Muggle-Presse darüber berichtete.

Die beiden Autoren des Artikels selbst erwähnten "We're not sure why Apple is gathering this data" und "Don't panic. As we discuss in the video, there's no immediate harm that would seem to come from the availability of this data." Aber, was ist die zuverlässigste Methode, um Panik zu erzeugen? Richtig: erst einmal laut "Keine Panik" rufen!

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Warum Guttenberg beliebt und unangreifbar ist und bleibt

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In den letzten Tagen war bei den Online-Bekannten, deren Äußerungen per Blog und Twitter ich so folge, eine wachsende Verwirrung und Verzweiflung in Sachen Karl-Theodor von und zu Guttenberg zu spüren. Wie ist es möglich, dass ein ertappter Schummler und Lügner eine solche Fangemeinde mobilisieren kann? Wie kann es sein, dass andere Menschen, die man kennt und schätzt, seine Lügen als Petitesse abtun und keinerlei Zweifel an seiner Eignung als Bundesminister haben? Und wie kann es sein, dass die Bewertung dieser Causa quer durch politische Lager so unterschiedlich ausfällt, dass konservative Kommentatoren seinen Rücktritt fordern und SPD-Wähler ihn begeistert unterstützen? Die Erklärung dafür ist mir auch schwer gefallen, aber sie liegt eigentlich auf der Hand. Sie hat viel damit zu tun, welche Art Führer sich "die Menschen da draußen im Lande" heute wünschen. Und wer das nicht versteht, versteht nicht, wie Politik Anfang des 21. Jahrhunderts funktioniert; in Deutschland und anderswo.

Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg
Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg (Quelle: Peter Weis; Wikipedia)

Schein und Sein

Freiherr von und zu Guttenberg (der Jüngere) ist ein Phänomen: in nicht einmal 10 Jahren hat er eine kometenhafte Karriere in der deutschen Politik hingelegt und wird nun - noch keine 40 - als potentieller Bundeskanzler gehandelt. Wer sich seinen Werdegang etwas genauer ansieht, wird feststellen, dass er in keiner seiner bisherigen Positionen in der Partei oder in einem öffentlichen Amt nennenswertes bewegt hat - trotzdem sehen in seine Fans als pragmatischen und erfolgreichen Machertyp. Seine Ansichten und Überzeugungen können sich in wenigen Monaten - manchmal Wochen - ändern, trotzdem halten ihn die meisten Menschen im Lande für gradlinig und konsequent. Er ist Karrierepolitiker ohne berufliche Erfahrungen oder gar Meriten vor Beginn seiner Politkarriere und tritt doch überzeugend als Anti-Politiker auf. Er hat beim Erwerb des einzigen selbst-"erarbeiteten" Titels, den er tragen darf, geschummelt und gelogen und doch ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Würden wir in Deutschland den Bundeskanzler direkt wählen, bekäme er vermutlich aus dem Stand eine absolute Mehrheit.

Wie kann das sein?

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Menschen treffen Entscheidungen (und Bewertungen anderen Menschen gehören dazu) nicht rational sondern intuitiv. Sie lieben Guttenberg und wünschen sich jemanden wie ihn als Führer. Wen wir lieben, dem verzeihen wir "kleine Fehler" - und welche Fehler "klein" sind, entscheidet unser Herz, nicht unser Hirn. Geliebt wird Guttenberg, weil er die Wünsche der Menschen nach Einfachheit in einer immer komplexeren Welt bedient und zugleich die "ich bin wie ihr" Karte erfolgreich spielt. Dass er bei einem Betrug erwischt wurde, das zugibt und dann lässig abperlen lässt,macht ihn sogar noch sympathischer.

Denn ... die Mehrheit der Menschen bricht immer wieder einmal Regeln, Gesetze oder moralische Vorschriften. Es ist aber unangenehm sich deshalb als schlechter Mensch zu fühlen. Das Argument "Aber das tun doch Alle" entwertet die Regel, verniedlicht den Gesetzesbruch und lässt einen wieder gut schlafen. Steuerhinterziehung und Versicherungsbetrug, Geschwindigkeitsübertretungen, Fahren unter Alkohol etc. sind hier die Klassiker. Das Phänomen lässt sich gut bei Kindern beobachten. Macht man sie auf einen Regelbruch aufmerksam, ist die beliebteste Verteidigung auf jemand anderen zu verweisen, der entweder die selbe Regel gebrochen oder etwas "noch viel schlimmeres" getan hat.

Gutti hat geschummelt? Geil, dann brauche ich mich auch nicht mehr zu schämen.

Politiker wie du und ich

In vergangenen Epochen war es in einer Vielzahl von Kulturen üblich, die politische Führerschaft zu verklären, zu idealisieren. Das gehörte zur Legitimation von Führung. Könige und der Adel waren selbstverständlich etwas "Besseres". Aber auch im 20. Jahrhundert gehörte es zum Idealbild des politischen Führers dazu, moralisch, intellektuell, vielleicht monetär und von der Bildung her "über dem Volk" zu stehen. Das ist vorbei. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob es gesellschaftliche Klassen gibt. Zu den nahezu universellen Grundsätzen der westlichen Kultur gehört die Überzeugung, dass es sie nicht geben darf. Unsere Kultur ist in weiten Bereichen anti-elitär und anti-intellektuell. Wer das nicht kapiert, wird öffentlich nur schwer reüssieren können.

Die Angriffe von Berufsintellektuellen machen von und zu Guttenberg deshalb nur stärker. Dann die haben "die Menschen da draußen" eh gefressen. Wer seine Intelligenz oder seine Bildung, moralischen Anspruch oder auch nur die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung raushängen lässt, macht sich in weiten Kreisen des Volkes schnell unbeliebt.

Erfolgreiche Politiker haben das gelernt. Sie kennen die Gefahr, sich durch "Herausragen" von ihrem Wahlvolk zu entfremden und verstehen es, sich als Mann/Frau des Volkes zu präsentieren. Es kann dabei unvermeidliche Brüche geben, die mit Geld und Prestige zu tun haben. Diese können aber durch Angleichung in Details überbrückt werden: Marotten, volkstümlicher Geschmack bei Essen, Trinken, Freizeitgestaltung und Medienkonsum. Siehe auch Gerhard Schröders gelegentlich etwas prolliges Gehabe - auch noch, als er längst Brioni trug.

So ist der moderne, populistische Politiker kein Vorbild mehr, dem es nachzueifern gilt sondern die Bestätigung, dass man so, wie man ist ... OK ist! Und das macht beliebt, nicht nur in Deutschland.

Beispiel Berlusconi

Silvio Berlusconi
Silvio Berlusconi - Italienischer Ministerpräsident (Quelle: Wikipedia; rechtefrei)

Ein schönes Beispiel ist Herr Berlusconi. Jeder weiß zwar, dass der nur mit Bestechung, Günstlingswirtschaft - und eventuell Schlimmerem - an der Macht bleiben konnte, und ein schmuddeliger alter Lustmolch ist, der sich gerne kleine Mädchen zuführen lässt. Aber das tut seiner Beliebtheit im italienischen Wahlvolk nicht wirklich weh. Dazu trägt nicht nur bei, dass er die italienischen Medien kontrolliert.

Tatsächlich ist es ja so, dass in vielen Kulturen auf der Welt schwierig ist, ohne Bestechungen und Günstlingswirtschaft Erfolg zu haben (Italien gehört wohl leider dazu). Und, dass alte Männer gelegentlich einen lächerlichen Hang zu jungen Mädchen haben, ist nichts Neues. Wenn Berlusconi die entsprechenden Straftaten begeht, legitimiert er damit die Träume - und gelegentlich Taten - seiner Wähler.

Beispiel Sarah Palin

Sarah Palin
Sarah Palin; US-Politikerin der Republikaner (Quelle Wikipedia; rechtefrei)

Sarah Palin - vermutlich irgendwann einmal Präsidentschaftskandidatin in den USA - ist nicht wirklich dumm - aber sicherlich keine intellektuelle Überfliegerin und nach allem, was man über ihre Äußerungen so liest, sicherlich nicht mit großem Allgemeinwissen beschlagen. Wer sich über ihre Versprecher und ihr Halbwissen mokiert, versteht nicht, wie das bei ihren Anhängern ankommt.

Viele Amerikaner haben Mühe, Nordamerika auf dem Globus zu finden, geschweige denn Libyen. Wer sie auf ihre mangelnde Allgemeinbildung aufmerksam macht, wird keine Sympathien ernten, sondern vehementen Widerspruch. Und sie sehen sich angegriffen, wenn jemand solche Schwächen bei Sarah Palin angreift - eine von ihnen! Dass Palin, die "guten alten Werte" hochhält, inklusive Enthaltsamkeit vor der Ehe und strenge Erziehung, selbst aber eine Tochter hat, die als Kind schwanger wurde ... who cares? So etwas passiert auch in den Familien ihrer Wähler - und macht sie nur sympathischer.

Gegenbeispiel Margot Käßmann

Margot Käßmann
Margot Käßmann; ehemalige Ratsvorsitzende der EKD (Quelle: Wikipedia; rechtefrei)

Das "ein gutes Vorbild sein" beim Volk nur noch schwer vermittelt werden kann, zeigt der Fall Margot Käßmann aus dem letzten Jahr. Die trat zügig von ihrem Posten als EKD-Ratsvorsitzende zurück, nachdem sie volltrunken am Steuer eines Autos angetroffen wurde. Ihre politischen Gegner fanden das toll, einige Feuilletonisten auch, aber viele "Menschen draußen im Lande" hielten das schon für ein bisschen übertrieben.

Sollte ihr Rücktritt etwa andeuten, dass sie es tatsächlich für verwerflich hielt, volltrunken Auto zu fahren. Unangenehme Idee. Als Politikerin hätte sie sich mit einem solch "vorwurfsvollen" Verhalten disqualifiziert.


von und zu Guttenberg als Ideal des zeitgemäßen Politikers

Ich will nun "Gutti" nicht mit Berlusconi gleich setzen. Aber die Mechanismen, die ihm oder Politikern wie Sarah Palin (oder George W. Bush) zu anhaltender Beliebtheit und quasi Unangreifbarkeit verholfen haben, sind ähnliche. Er ist das Ideal eines zeitgemäßen Politikers. Man hätte ihn am Reißbrett kaum besser entwerfen können. Na, ja, vielleicht ohne adelige Herkunft (siehe Elite) und eine Kleinigkeit weniger arrogant. Aber der Rest ist schon perfekt. Politiker dieser Ausprägung werden in den kommenden Jahren immer mehr Erfolg haben.

Darüber kann man lange lamentieren. Es bringt aber nichts. Die politische Kultur hat sich nun einmal gewandelt und ich denke nicht, dass sich diese Entwicklung mit flammenden Leitartikeln (oder gar Blogposts) umkehren lassen wird.

In eigener Sache: Ein paar Stunden, nachdem ich diesen Post online gestellt hatte, kommentierte bei mir Max Steinbeis, Autor des renommierten verfassungsblog.de und machte mich dezent darauf aufmerksam, dass ich doch bitte auf meine Quellen hinweisen möge. Ich war zunächst etwas verwundert, suchte daraufhin aber den verfassungsblog.de auf und fand sofort einen Artikel namens Guttenberg und das anti-elitäre Ticket. In diesem Artikel wird der Ansatz "politischer Erfolg durch anti-elitäres, anti-intellektuelles Image" ähnlich wie in meinem Text verfolgt und es werden auch die Beispiele Palin, Berlusconi und Bush erwähnt. Das ist kein Zufall. Zwar ist die Kraft des anti-intellektuellen Habitus andernorts schon länger für Protagonisten wie Bush und Palin postuliert worden. Die Idee, Guttenberg hier einzureihen habe ich aber scheinbar tatsächlich diesem Artikel entnommen, den ich, soweit ich das heute nachvollziehen kann, am 21.2.2011 gelesen habe. Ob man mir das nun glauben mag oder nicht: ich war mir dieser Tatsache beim Schreiben meines eigenen Textes in den frühen Morgenstunden des 24.2. nicht bewußt. Das ist - gerade in diesem Kontext - selbstverständlich extrem peinlich und der GAU an sich. Ich hoffe, dass es einigermaßen plausibel ist, dass ich das nicht absichtlich und/oder bewußt gemacht habe. Als erfahrener Internetti ist mir natürlich klar, dass so etwas im Zeitalter von Google, Facebook und Twitter auffallen MUSS. Ich habe mich umgehend bei Max Steinbeis entschuldigt und ihm auch die Löschung dieses Artikels angeboten. Das wollte er nicht, weshalb ich ihn hier - auch als mahnendes Beispiel für mich selbst - stehen lasse.

 

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Retargeting, die neue Nemesis der hilflosen Zielgruppen

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Eine der aktuell beliebtesten Werbeformen ist das „Retargeting“, eine spezielle Form des Targeting, die ausnahmsweise einfach zu erklären ist: besucht jemand eine Web-Seite mit einem Produktangebot (das er nicht sofort kauft), wird diese Tatsache in einem so genannten Cookie gespeichert. Besucht der selbe Anwender danach eine andere Website, tauchen dort auf einmal Anzeigen auf, die ihm dieses oder ähnliche Produkte erneut andienen. Die Logik dahinter ist simpel: jemand, der sich schon für ein bestimmtes Produkt interessiert hat, braucht vielleicht nur einen kleinen Anstoß, damit er es endgültig kauft. So weit so gut.

Was massiv nervt, ist die Tatsache, dass manche Retargeting-Netzwerke die entsprechende Werbung offensichtlich ohne viel Sinn und Verstand platzieren.

Am Beispiel: Ich hatte mir auf einem spezialisierten Portal LED-Energiesparlampen angesehen – und nicht gleich gekauft. Sofort beim nächsten Besuch auf Spiegel Online wurden mir diese Lampen wärmstens angepriesen. In drei Varianten und mit einer fast schon schmerzhaften Penetranz; auf der Homepage, auf Rubrik- und Detailseiten. Trotz dieser Belästigung kaufte ich am nächsten Tag zwei dieser – wirklich wundervollen – Lampen im zunächst besuchten Online-Shop. Dies hielt den Retargeting-Dienstleister jedoch nicht davon an, mir die entsprechenden Produkte noch tagelang beim Spiegel und auf einigen anderen Websites – teils mehrfach auf einer Seite – zu präsentieren.

Eine über Retargeting geschaltete Anzeige für DELL Produkte

Kurz nach Weihnachten beschloss ich, mir rasch einen Rechner mit leistungsfähiger Grafikkarte zuzulegen, da ich für ein Kundenprojekt ein paar Arbeiten in drei virtuellen Welten zu erledigen hatte, idealerweise parallel. Ein schneller Check auf der Website von Dell und wieder hatte mich der Retargeter im Visier. Erst 3 oder 4 Wochen später konnte ich eine Reihe von Websites wieder besuchen, ohne diese durch Dell XPS Desktops garniert zu sehen – nachdem ich mir einen solchen längst, allerdings im stationären Handel, gekauft hatte.

Ein über Retargeting geschaltetes Werbebanner
Ein argloses Werbebanner - nur, dass ich mir dieses Produkt 3 Minuten vorher bei HEINE angesehen habe :)

Anfang Januar besuchte ich dann mit meiner Holden kurz den HEINE Online-Shop um nach einem Party-Kleid zu sehen und – der aufmerksame Leser wird nicht überrascht sein – von Stund an und bis auf den heutigen Tag wird mir exakt dieses Kleid in vier verschiedenen Farben auf diversen Seiten präsentiert – die entsprechende Party ist längst vorbei.

Wo ist das Problem mit dem Retargeting von heute?

Da könnte man sagen: „So what? Worüber regt der Breuer sich auf? So ist Werbung eben ...“

Ja, aber ... so ist nur Opas dumme Werbung. Und Retargeting tritt mit dem Anspruch an, die intelligentere Werbung zu sein. Targeting steht für mehr Relevanz. Egal, was mir die Retargeting-Anbieter („Der Erfolg gibt uns recht“) erzählen und egal wie gut die Konversionsraten im Vergleich zu anderen Werbeformen sein mögen: die obigen Beispiele zeigen, dass da noch sehr viel Luft nach oben ist.

Die meisten Anzeigen, die heute über Retargeting-Netzwerke ausgeliefert werden, sind nicht optimal getargeted. Sie sind nicht so relevant, wie sie sein könnten. Und, wenn sie tatsächlich so effektiv sind, wie die Anbieter behaupten, dann könnten sie eben noch viel effektiver sein, wenn die Auslieferungslogik – und die betreuenden Agenturen? – noch etwas intelligenter wären.

5 Ad-hoc Verbesserungsvorschläge für mehr Relevanz beim Retargeting

  1. Die ersten Anzeigen erst nach einer Karenzzeit und nicht unmittelbar nach dem Besuch der Shop-Site schalten. Wenn ich gerade eben einen Shop verlassen – und nicht gekauft – habe, will ich garantiert nicht 2 Minuten später dieses Produkt kaufen. Würde mir in einem Laden nach dem Verlassen des Gebäudes ein Verkäufer hinterher rennen und mich anbrüllen, ob ich nicht doch die Hose haben will, würde ich den nie wieder besuchen.
  2. Sinnvolle Pausen einbauen. Wenn mir ein- und dieselbe Anzeige an einem Tag zwei Dutzend Mal präsentiert wurde, ohne dass ich reagiere ... ist heute vielleicht nicht der ideale Tag! In diesem Fall macht es bestimmt Sinn, die Auslieferung ein paar Stunden oder ein paar Tage auszusetzen.
  3. Produktvarianten nicht oder intelligent präsentieren. Es sieht einfach albern aus, wenn mir in den typischen Retargeting-Ziehharmonikas oder Coverflow-Formaten ein und das selbe Produkt in fünf Farben oder Varianten präsentiert wird. Den Platz kann man intelligenter nutzen. Die Anzeige ist ja nur ein Reminder. Ich weiß ja durch den Besuch des Stores, dass es dieses Kleid in sechs Farben gibt.
  4. Schneller aufgeben. Wenn ich auf das Angebot zum Kauf eines eher niedrigpreisigen Artikels nach einer Woche nicht reagiert habe (bei teureren Artikeln eventuell später; siehe unten), will ich das Teil vielleicht wirklich nicht. Es mir immer wieder in die Fresse zu hauen, macht mir nicht kaufwilliger – nur ärgerlich. Sinn macht es vielleicht, es mir nach ein paar Tagen/Wochen noch einmal zu zeigen aber nicht wochenlang.
  5. Das Timing an den produkttypischen Entscheidungsprozeß anpassen. Eine neue Hose kaufe ich heute, morgen, vielleicht übermorgen, der neue Wagen ist sicherlich nur selten ein Spontankauf. Ich muss also nicht gleich morgen dran erinnert werden – und werde es vielleicht akzeptieren, wenn nächsten Monat noch mal ein Reminderle kommt.

Kurz und gut: mehr Intelligenz, mehr Mitdenken und dementsprechend mehr Relevanz.

Relevanz

Was das alles mit „Relevanz“ zu tun? Alles. Die ganze Idee beim Targeting ist es, dem Betrachter relevantere Werbung zu präsentieren, also Werbung, die auf seine Interessen und Bedürfnisse zugeschnitten ist und deshalb eine höhere Wirkung zeigt als breit gestreute, dumme Werbung. Solche Werbung ist nicht nur effizienter (hat ein besseres Verhältnis zwischen Kosten und Ergebnis), sondern stört den Konsumenten auch weniger. Und Letzteres ist wichtig, über das direkte Kampagnenziel hinaus. Werbung, die nervt, führt nicht nur zu keinem Umsatz, sondern kann auch das Markenbild dauerhaft beschädigen.

Relevanz kommt aber nicht nur allein dadurch zustande, dass man die Interessen und Bedürfnisse des Konsumenten anspricht. Sie ist auch eine Frage des Timings. Jeder gute Verkäufer weiß das. Ich muss nicht nur die richtigen Worte finden. Ich muss auch zur richtigen Zeit anrufen.

Also bitte, liebe Remarketer: weniger brutale Penetranz, mehr Intelligenz, mehr Relevanz in die Auslieferung. Macht euch Gedanken zum Timing. Nicht nur die Konsumenten, auch eure Auftraggeber werden es euch danken.

 

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Unternehmenskultur oder Charisma - Was wird aus Apple?

Steve Jobs, Gründer und Ex-CEO von Apple

Steve Jobs gibt erneut das Ruder bei Apple ab und der Medienwald erbebt – speziell online. Der Kurs der Aktie stürzt, erholt sich wieder, aber die Diskussion köchelt weiter. Kann das Unternehmen ohne den charismatischen Messias weiterhin Erfolge feiern wie in der Vergangenheit, besonders in den letzten 10 Jahren? Die Meinungen gehen auseinander, wenn auch momentan – siehe Aktienkurs – die Ansicht vorzuherrschen scheint „alles wird gut!“ Ich habe da starke Zweifel – nicht für dieses oder das nächste Jahr, aber die Zeit danach. Amir Kassaei, Chef-Kreativer bei DDB, bekennender und schamloser Apple-Fanboy sieht das komplett anders. Er hat kürzlich einen optimistischen – und sehr guten – Artikel zur selben Frage verfasst. Amir ist, verkürzt formuliert, der Ansicht, dass der prägende Eindruck von Steve Jobs auf die Apple-Kultur so stark war, dass das Unternehmen seinen Abgang ohne allzu große Schwierigkeiten verschmerzen wird. Er formuliert sehr eloquent plausible Gründe. Dennoch ...

In Deutschland gibt es ein hässliches Sprichwort. Das heißt "Der Fisch stinkt vom Kopf her"

Dieses Sprichwort ist normalerweise negativ gemeint. Es gilt aber auch im positiven Sinne. Steve Jobs war ohne Frage ein Kopf, der seine Firma im positiven wie im negativen Sinne geprägt hat. Er hat das nun über eine so lange Zeit hinweg getan, dass seine Meme sich im Unternehmen ausgebreitet und tief verankert haben. Das äußert sich zum Einen im Personal, zum Anderen in der Produktpalette, der Art, wie Produkte entwickelt werden, Marktkommunikation stattfindet etc. Sein Abgang wird das nicht von einem zum anderen Tag ändern.

Es gibt sehr gute Leute in der zweiten Reihe und ich bin sicher, dass eine Menge Entwicklungen in der Pipeline sind, die in den nächsten zwei Jahren noch auf den Markt kommen werden. Das werden nicht nur Verbesserungen an den bestehenden Produktlinien sein – obwohl auch da Luft nach oben ist. Ich bin sehr gespannt, wann und wie Apple den Weg in die Cloud gehen wird und ob es gelingt, aus Apple TV in einem dritten Anlauf einen Blockbuster zu machen. Vor allem stimmen die aktuellen Gerüchte um den Einstieg ins Geschäft mit Zahlungsabwicklungen optimistisch. Wenn das klappt, ist Apple die Position als wertvollstes Unternehmen der Welt endgültig sicher.

Die Hoffnung „Alles wird gut“ ist blauäugig

Ich halte es aber für blauäugig, davon auszugehen, dass der Impuls, den Jobs der Marke und dem Unternehmen gegeben hat, für immer anhält. Steve Jobs ist eine Ausnahmeerscheinung. Im Senior-Management von Apple sitzen noch mehr tolle Leute – aber das sind Apostel, keine genialen Charismatiker. Zudem hat Jobs’ Erfolg für eine ganze Menge von Freiheiten gesorgt, die wiederum neue Erfolge erst möglich machten. Die Produktentwicklungen bei Apple waren unter Jobs oft sehr radikal und - zumindest auf den ersten, konventionellen Blick - riskant. Disruptive Entwicklungen sind das ja immer. Niemand weiß vorher, ob die Disruption den großen Erfolg bringt oder die Firma in die Pleite reist. Solche Risiken einzugehen, ist nicht jedermanns Sache. Apple war der einzige Großkonzern, der solche disruptiven Innovationen in den letzten 10 Jahren gestemmt hat - dank Steve Jobs. Und auch der brauchte einen langen Atem. Siehe den Kursverlauf der Aktie in den letzten 11 Jahren:

Kursverlauf der Apple-Aktie

Ich denke, dass es in anderen Konzernen durchaus vergleichbar radikale Ideen gab. Aber sie wurden verwässert, zerredet und eventuell in den konzerntypischen Prozessen ausgebremst. Das geschah in gutem Willen ... um den Erfolg sicher zu stellen. Tatsächlich hat es mit den Risiken auch die Schärfe und die Radikalität aus diesen Innovationen genommen, die für eine echte disruptive Innovation nötig sind. Kaum ein anderes Unternehmen war bereit, die dazu gehörenden Risiken einzugehen. Kein anderer CEO hatte über die Jahre hinweg die entsprechenden Freiheiten. Das ist in den Strukturen von Großkonzernen systembedingt. (Siehe dazu auch Warum schaffen Großunternehmen keine bahnbrechenden Innovationen?)

 Die Frage ist, wenn Jobs nicht mehr am Steuer ist, eventuell dauerhaft, ob das Apple Board seinen Nachfolgern die nötigen Freiheiten erlauben wird. Wenn es zu einem Flop kommt, wird man dem neuen CEO ein weiteres, riskantes Projekt erlauben? Ich befürchte, nein. :) Auch bei Apple wird irgendwann die Quartals-Denke einsetzen und dann vermutlich die Stagnation, wenn auch vermutlich eine Stagnation auf hohem Niveau. Was leider für diese Annahme spricht, ist die Geschichte. Auf Anhieb fällt mir - außer dem Islam und der christlichen Kirche - keine Organisationen ein, die nach dem Abgang der prägenden Persönlichkeit noch lange Zeit den Drive hatte, dauerhaft zu wachsen und der Welt einen Stempel aufzudrücken. In einzelnen Unternehmen hat es nach der ursprünglichen, disruptiven Phase und langer Stagnation zwar gelegentlich auch eine Art Renaissance gegeben. Auch die ging aber immer einher mit einer charismatischen Persönlichkeit, die dem Unternehmen dann ihren eigenen Stempel aufdrückte (siehe z.B. Jack Welch bei GE).

Neue Ideen sind entscheidend – Personen setzen sie durch

Ist das verwerflicher Personenkult? Ich hoffe, nein. Aber, wer sich die Geschichte der Menschheit anschaut, wird feststellen müssen, dass es nicht die großen Ideen waren, die den gesellschaftlichen Wandel (und gelegentlich den Fortschritt) brachten. Selbstverständlich waren diese Ideen wichtig. Aber ihre Durchsetzung hat immer starke, charismatische Persönlichkeiten gebraucht. Menschen laufen keinen Ideen hinterher. So funktioniert unser stammesgeschichtlich geprägtes Hirn nicht. Wir folgen Personen. Apple wird noch eine Menge gute Quartale erleben. Da habe ich keine Zweifel. Und als Apple Aktionär freue ich mich darüber. Auf Dauer - über einen Zeitraum von mehr als ca. 2 Jahren hinweg - habe ich Zweifel, ob es ohne Stevie - oder einen echten, charismatischen Nachfolger - in ähnlicher Weise weitergehen wird. Ich denke, dass, wenn dieser nicht gefunden wird oder aus der zweiten Reihe heranwächst, Apple für viele Jahre immer noch eine tolle Firma sein wird. ... aber eben irgendwann eine normale Firma und nicht mehr "insanely great"

 

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Die ägyptische Revolution und das Versagen der "Realpolitik"

Was mich als Bürger eines "westlichen Staats" in den vergangenen 4 Tagen am meisten verärgert und frustriert hat, war die Reaktion "Des Westens" auf die Aufstände in Ägypten. Erst langes Schweigen, dann gestelzte diplomatische Formulierungen, die mehr Verständnis mit den Nöten eines alternden Diktators zeigen als mit dem Aufbegehren seines unterdrückten Volkes. (Hier ein zynischer, aber nett gemachter Beitrag dazu von einem jungen Journalisten von Al Jazeera.) Diskussionsbeiträge wie die unseres überqualifizierten Außenministers, der in diesem Zusammenhang vor der "Stärkung islamistischer Kräfte" warnt, tun ein Übriges, um den Blutdruck steigen zu lassen. Andererseits ist die Situation für unsere gewählten oder anderweitig an die Schaltstellen der Macht gelangten Politiker wirklich nicht so einfach, wie sie einem Menschen wie mir in der ersten emotionalen Aufwallung erscheinen. Es geht um "Realpolitik".

Hosni Mubarak
Hosni Mubarak, ein respektabler (weil "unser") Despot - Foto (c) 2009 Presidenza della Repubblica

Was Mubarak mit "Realpolitik" zu tun hat

Das Wort Realpolitik klingt harmlos, bezeichnet aber etwas auf den ersten Blick recht finsteres: politisches Handeln, das moralische oder ethische Prinzipien außen vor lässt und unter das alleinige Primat des "Nutzen" (für sich selbst, die eigene Partei oder die eigene Nation) stellt. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Schule ist sicherlich Machiavelli. Im letzten Jahrhundert war Henry Kissinger der vielleicht bekannteste und erfolgreichsteRealpolitiker. Nüchtern betrachtet, betreibt aber wohl nahezu jeder erfolgreiche Politiker Realpolitik.

Am Beispiel Ägypten bedeutet das, dass wohl kaum ein genuin demokratischer Politiker Mubarak persönlich schätzt, ihn aber viele unterstützen, weil sie der Ansicht sind, dass er für ihre eigenen Primärinteressen nützlich ist. In Israel ist man beispielsweise nahezu durch die Bank, über alle politischen Grenzen hinweg, über ein Ägypten ohne Mubarak besorgt. Ein kompakter Überblick zu Israels Positionierung in der ägyptischen Revolution hier. Mubarak steht für "Stabilität" und der Frieden zwischen Ägypten und Israel hält Israel militärisch den Rücken frei. Käme in Ägypten die Muslim-Bruderschaft an die Macht, sähe es für den Friedensvertrag vermutlich finster aus und die israelische Militärstrategie wäre Makulatur. Tscha ...

Die USA stehen traditionell auf Seiten Israels. Auch deshalb schätzen sie die "Stabilität", die Mubaraks Diktatur in der größten arabischen Nation schafft. Dazu kommt Ägypten als säkularer Gegenpol zur gefürchteten Islamischen Republik im Iran, die um Himmelswillen in der Region nicht Schule machen soll. Es lohnt sich allerdings, genauer zu betrachten, wie es zum Umsturz im Iran kam und wieso die USA - unabhängig von der traditionellen Freundschaft zu Israel - zu einer Art Erbfeind in der arabischen Welt geworden ist (siehe unten).

Was man bei aller Frustration über höfliche diplomatische Sprache auch nicht vergessen darf, ist die Notwendigkeit für ein Mindestmaß an Verlässlichkeit und Kontinuität in den Verhältnissen zwischen den Staaten. Und das bedeutet, dass die Diplomaten eines Staates (einschließlich der Top-Politiker) eben auch nicht von heute auf morgen einen Despoten fallenlassen können,  denn sie gestern noch gestützt haben. Das würde sich schlecht machen für alle zukünftigen Verhandlungen mit anderen Staaten. Vereinbarungen würden zu einem Muster ohne Wert.

Soweit zu den durchaus verständlichen Gründen für das Praktizieren von Realpolitik. Realpolitik, wie wir sie aktuell wieder am Beispiel Ägypten erleben, ist eben nichts Anderes als das verpönte aber weit verbreitete Prinzip "Der Zwecke / Erfolg heiligt die Mittel". Gerade deshalb aber müssen sich die praktizierenden Politiker aber die Frage gefallen lassen:

Welche Erfolge hat die Realpolitik der Unterstützung diktatorischer Regime für den Westen gehabt?

Was mir momentan nach der Angst vor weiteren Todesopfern die größte Sorge bei der ägyptischen Revolution und anderen Aufständen in der arabischen Welt bereitet, ist die Art, wie das Verhalten der westlichen Regierungen dazu beträgt, die Feindschaft der arabischen Völker zu den Nationen des Westens zu verstärken. Zwar hören sich die Argumente "pro Stabilität" hinsichtlich der Unterstützung autokratischer Regime durch unsere demokratischen Regierungen zunächst plausibel an. Mittel- bis langfristig betrachtet funktioniert diese Strategie aber einfach nicht!

Um das zu erkennen, muss man nicht einmal die geradezu amüsante Geschichte der Taliban betrachten, die ja erst von den USA ausgebildet und groß gemacht wurden, als der gemeinsame Feind noch Sowjetunion hieß.

Der wichtigste Buhmann der Argumentationskette für eine Unterstützung despotischer Regime in der arabischen Welt - die Islamische Republik Iran - ist das vermutlich beste Argument gegen diese Strategie. Schauen wir uns dazu das vom iranischen Revolutionsführer Musavi Chomeini entwickelte Zerrbild vom "Großen Satan USA" an, das sich über die islamistische Bewegung wachsender Beliebtheit in der islamischen Kultur erfreuen kann, und auf alle Alliierten der USA abfärbt. Dieses wurzelt nicht in erster Linie in dee Freundschaft der USA zu Israel. Was Chomeini zu diesem Bild inspirierte, war vor allem auch die nachhaltige Unterstützung des Reza Schah Pahlavi.

Es wäre schön, wenn man sich insbesondere auch bei deutschen Dorfpolitikern von der Illusion lösen würde, dass das, sich gerade im 20ten Jahrhundert deutlich verschlechterte Verhältnis einiger Volksgruppen aus dem moslemischen Kulturkreis gegenüber "dem Westen" primär auf religiösen Differenzen (oder gar Erbfeindschaften) beruhen würde. Ganz hilfreich ist für das Verständnis solcher "Stimmungen" der Blick in einen geradezu urchristlichen Kulturkreis: Lateinamerika.

Wer sich über den schlechten Ruf der USA in einigen süd- und mittelamerikanischen Staaten wundert, sollte sich einmal die Geschichte der Unterstützung lateinamerikanischer Dikaturen im 20ten Jahrhundert anschauen. Richard Nixon hat einmal über den nicaraguanischen Diktator Somoza gesagt "He may be a bastard, but he is our bastard." Auch das ist eine schöne Umschreibung von Realpolitik, nur leider (?), die wenigsten Diktaturen überdauern, auch, wenn sie von der immer noch mächtigsten Nation der Welt gestützt wurden. Und die Revolutionäre waren danach selten gut auf die Unterstützer ihrer alten Unterdrücker zu sprechen.

Auch in Ägypten steht nun wieder einmal die Frage an: auf wessen Seite steht der Westen? Auf der Seite der Unterdrücker oder auf der der Unterdrückten? Ist es nicht vielleicht so, dass gerade der "Kampf gegen den Islamismus" - ohne Rücksicht auf die Art der Verbündeten - den fanatisch anti-westlichen Islamismus erst heranfüttert. Das scheinen selbst einige konservative amerikanische Journalisten zu erkennen.

Deshalb sei die Frage erlaubt:

Wenn die derzeit (seit vielen Jahrzehnten) praktizierte Realpolitik des Westens gegenüber diktatorischen Regimes

  1. ethisch stark zweifelhaft und der eigenen Bevölkerung kaum plausibel zu verkaufen, und
  2. langfristig auch unter machtpolitischen Gesichtspunkten offensichtlich kontraproduktiv ist,

sollte man diese Strategie dann nicht einmal überdenken und sie durch eine zumindest effektivere austauschen?

Der richtige Zeitpunkt dafür wäre vielleicht der jetzige!?

 

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Virtuelle Welten sind nicht tot - und werden auch so bald nicht sterben

cross-posted with notizen aus der provinz

 

Second Life ist inzwischen das klassische Beispiel für einen Anti-Hype: zwei Jahre hoch gejubelt und dann tot gesagt, heute dahindümpelnd auf niedrigem Niveau. Ich selbst habe mich drei Jahre sehr intensiv damit beschäftigt und mich dann doch wieder anderen Theme zugewandt. Die breite Akzeptanz der Idee war einfach nicht da - und kurzfristig auch nicht absehbar. Heißt das, dass die Idee der virtuellen Welten einfach ein Schuss in den Ofen war? Ich denke nicht. Der folgende Text ist eine meine ersten Antworten auf Quora ... auf eine entsprechende Frage dieser Art.

Second Life wird vielleicht sterben ... genauso wie IMVUBlue MarsTwinity und andere aktuelle Projekte. Mittel- bis langfristig wird das aber keine Rolle spielen.

Virtuelle Welten stellen ein gewaltiges Potential dar. Und trotz des gewaltigen Hypes um Second Life und trotz des resultierenden Backlash, glaube ich, dass die grundlegenden Prinzipien eine virtuellen Welt erhalten bleiben und tatsächlich eine große Rolle in unserer künftigen Online-Welt spielen werden. Der Grund dafür liegt in einem großen Pluspunkt dieser Technologie

Virtuelle Welten ermöglichen ein immersives Erlebnis einer Intensität, wie es keine andere, heute verfügbare Technologie bietet.

„Immersion“ mag sich nach einer eher exotischen Eigenschaft einer Software anhören. Tatsächlich ist ein immersives Erlebnis, also das Gefühl, in eine solche Anwendung richtiggehend einzutauchen und die umgebende physische Realität teilweise auszublenden, vorteilhaft für eine ganze Reihe von Anwendungsfällen, u.a.:

  • Meetings
  • Trainings (und ausgewählte andere “Lern-Anwendungen”)
  • Architektursimulationen u.ä.
  • Ausgewählte Therapien
  • Shopping
  • Gaming
  • Unterhaltung im Allgemeinen
  • Romantik
  • Pornographie
  • ...

Die beiden letzten Punkte habe ich ganz bewusst eingeschlossen. Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: der technologische Fortschritt gerade in den Medien wurde immer wieder von Sex getrieben. Das oft genannte Beispiel der Videorecorder ist übrigens nicht das erste solche Fall. Auch für Fotografie und Film waren Erotik und Pornographie entscheidende Treiber. So what?

Am Rande: obwohl ein immersives Erlebnis m.E. das Killer-Feature virtueller Welten ist, kann man es zugleich als Hemmschuh für die Akzeptanz ansehen. Das zeitweise Verdrängen der physischen Realität um einen herum ist unpraktisch in vielen Situationen daheim, im Büro und speziell beim Umgang mit mobilen Geräten. Virtuelle Welten brauchen deshalb auch einen sanfteren Einstieg als es heute möglich ist und eine Art leichten Nutzungsmodus, in dem man nur „nebenbei dabei“ ist. Das ist technisch aber das geringste Problem.

Aber, wenn virtuelle Welten so großartig sind, warum hat Second Life nicht funktioniert?

Gute Frage! Es stimmt, dass die meisten Experimente auch aus den oben genannten Anwendungsfeldern, die typischerweise ab 2006 in Second Life gestartet wurden, nicht zu erfolgreich waren. Das entwertet m.E. aber nicht das Konzept von virtuellen Welten. Die Technologie war einfach noch nicht bereit. Ehrlich gesagt, ist sie das auch heute noch nicht.

Die frühen Plattformen wie Second Life, There, IMVU und sogar das relativ neue Blue Mars waren/sind klobig, verfügen über umständliche Benutzerinterfaces, benötigen alle eine separate Client-Software und bieten oft eine Performance, die „enttäuschend“ ist, um es freundlich zu formulieren. Die jeweilige Client-Software hat zudem häufig Kompatibilitätsprobleme mit der installierten Hard- und Software am Markt. Sie stellt – insbesondere im Falle von Second Life und Blue Mars – Anforderungen an die Hardware, die eine große Zahl der vorhandenen Systeme, soweit sie nicht Hardcore-Gamern gehört, nicht erfüllt.

Die aktuelle Enttäuschung über diese Plattformen ist auch ein klassischer „Backlash“. Im großen Hype wurde Second Life quasi als Ersatz für das Internet propagiert. Das führte zu hohen Erwartungen und konsequenterweise zu großer Enttäuschung, als diese nicht erfüllt werden konnten. Besonders unangenehm war, dass die unrealistischen Wachstumserwartungen dazu führten, dass viele der frühen Experimente eine Ausrichtung in Werbung und Branding bekamen – was bei einer Plattform mit ca. 1 Million Anwendern weltweit natürlich völlig ineffektiv war.

Virtuelle Welten werden das HTML-basierte Web nicht ersetzen. Die Technologie wird additiv eingesetzt werden und nicht substitutiv.

Und wie sieht nun die Zukunft der virtuellen Welten aus?

Auch eine gute Frage! In den folgenden Absätzen skizziere ich deshalb einmal die Eigenschaften, die für die Mainstream-Adoption virtueller Welten meiner Ansicht nach benötigt wird. Ich gehe davon aus, dass ausgereifte Software mit einem solchen Featureset innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre existieren wird. Tatsächlich sind alle einzelnen dieser Features heute verfügbar. Es gibt keine grundlegenden Neuentwicklungen, die nötig wären. Die vorhandenen Komponenten müssen lediglich perfektioniert und integriert werden. Im Gegensatz zu meinen eigenen Erwartungen von vor 5 Jahren wird das noch etwas dauern.

Technologische Architektur

Virtuelle Welten wird es in vielen Formen, Farben und Größen geben. Auf der technischen Seite zum Beispiel:

  • Browser-basierte
  • Client-basierte
  • Streaming-basierte

Browser-basierte Welten sind eine Notwendigkeit. Virtuelle Welten brauchen einen „casual Modus“, eine möglichste niedrige Einstiegshürde. Und das geht im Internet am einfachsten im Browser., Man wird eine solche Welt aufsuchen, indem man einem schlichte Link folgt. Neuankömmlinge werden sich keinen Avatar gestalten müssen sondern unter vordefinierten Avataren auswählen oder einen benutzen, der von einem zentralisierten Service bereitgestellt wird (ähnlich dem heute populären Gravatar Service für Foren und Blogs).

Die heute schon existierenden browser-basierten Lösungen bieten nur eine geringe visuelle Qualität. Sie basieren zumeist auf Flash, womit eine bessere Performance nicht möglich ist. Das ist für reine Games kein großer Problem, reduziert aber die Tauglichkeit für Anwendungen wie Shopping, Meetings, Trainings, Architektursimulationen etc. Neue Lösungen auf Basis der wirklich fantastischen Unity3D-Software werden das ändern. Auch der neue, in die Browser der jüngsten Generation integrierte WebGL-Standard lässt beeindruckende, relativ realistischen 3D-Darstellungen im Web zu.

Die Integration in die Browser allein wird für einen Durchbruch virtueller Welten nicht ausreichen. Es wird aber die Akzeptanz deutlich verbessern und auch die Integration mit wichtigen web-basierten Diensten wie eCommerce- und Online-Kollaborations-Plattformen aber auch Facebook und Twitter deutlich verbessern.

Es wird trotzdem weiterhin virtuelle Welten mit eigener Client-Software geben, da nur damit die maximale Performance (Geschwindigkeit, Bildqualität) erreicht werden kann und damit auch ein intensiveres immersives Erlebnis möglich ist. Diese Client-Software wird im Idealfall die selben virtuellen Welten darstellen wie die browser-basierten Lösungen. So wird es möglich, für bestimmte Situationen (und Benutzergruppen) die einfache, webbasierte Lösung einzusetzen und trotzdem gemeinsam mit anderen Anwendern zusammen zu arbeiten (oder zu spielen), die die leistungsstärkere Client-Lösung verwenden.

Cloud-basiertes Streaming

Spezielle Client-Software wird aber immer sehr anspruchsvoll hinsichtlich der benötigten Hardware-Leistung sein. Optimale Bildqualität verlangt vergleichbare Hardware wie ein Highend-Videospiel und wird das auch weiterhin tun. Dadurch wird leider auch die Einsetzbarkeit auf mobilen Endgeräten (und Tablet PCs) leiden, die – da sind sich alle Experten sicher – schon in den nächsten 3 – 5 Jahren eine rapide anwachsende Bedeutung erhalten werden. Ein nahezu perfekter workaround für dieses Problem sind cloud-basierte „Streaming“-Lösungen.

Bei diesem Ansatz wird die Hauptarbeit (also insbesondere der Berechnung der bildhaften Darstellung in hoher Qualität) auf spezialisierte Highend-Server verlagert. Das Ergebnis (die Bilder) wird dann nur noch nach Art einer Life-Videoübertragung auf das lokale oder mobile Gerät übertragen. Es gibt schon heute mindestens zwei große und einige kleinere Unternehmen, die solche Angebote für den Spielemarkt angekündigt haben bzw. schon anbieten. Am weitesten ist die Firma OnLive, die bereits viele zehntausend Anwender mit Highend-Videospiele versorgt. Und auch Linden Lab, Betreiber von Second Life hat eine experimentelle Lösung online, welche die Benutzung von Second Life über einen solchen Dienst erlaubt.

One size does not „fit all“

Virtuelle Welten werden weiterhin in vielen unterschiedlichen Größen kommen:

  • Räume
  • Gebäude
  • Städte, Stadtteile und Inseln
  • Welten

Ja, auch „Welten“. Trotz all des negative Hypes rund um Second Life: Virtuelle Welten haben immer noch eine große Anziehungskraft. World of Warcraft ist tatsächlich eine riesige virtuelle Welt. Herr Der Ringe Online genauso und viele andere Online-Spiele ebenfalls.

Am anderen Ende des Spektrums liegen kleine, virtuelle Räume, in denen man sich mit ein paar Anderen für ein Meeting trifft. Aber auch alle Zwischengrößen sind sinnvoll und machen für bestimmte Anwendungen Sinn.

Wenn ich eingangs von „vielen Formen, Farben und Größen“ sind damit aber nicht zwangsläufig unterschiedliche Software-Plattformen gemeint. Die selbe Software, mit der ein kleiner virtueller Raum für den spontanen Zugang über eine webbasierte Lösung erstellt wird, könnte genauso für eine Online-Spiel mit zehntausenden von Anwendern in einer riesige virtuelle Welt mit hunderten Quadratkilometer Fläche genutzt werden. Tatsächlich ist OpenSim (ein Versuch, Second Life zu „re-egineeren“) in der Lage, das mit ordentlicher Effizienz zu tun. Ein einzelner Server kann ohne komplexes Netzwerk-Setup ein Räume und kleiner Flächen hosten aber auch mit vielen hundert anderen zu einem leistungsstarken Netzwerk zusammengeschlossen werden.

Diese Flexibilität wird wichtig für eine breite Akzeptanz virtuelle Welten sein. Weder die Unternehmen, die diese Technologie nutzen, noch Endanwender werden viel List verspüren, für unterschiedliche Angebote jedes Mal andere Software zu installieren und sich an andere Benutzeroberflächen zu gewöhnen. Das ist im Web genauso. Wenn sich ein Anwender durch das Web bewegt, kann er das mit jedem Browser machen und muss, wenn er einem Link folgt, auch nicht alle Nase lang neue Software laden. Und welche Software auf Serverseite hinter diesen Angeboten steht, kümmert ihn wenig.

Genau das war nötig, um das Web massentauglich zu machen! Solange die Software-Plattformen für virtuellen diesen Zustand von Interoperabilität, Stabilität und Benutzungskomfort nicht erreicht haben, ist an eine breite Akzeptanz virtueller Welten nicht zu denken.

Hinter den Kulissen ist die Software natürlich schon wichtig. :) Die Apache Server-Software und der Mosaic-Browser waren zwei ganz entscheidende Faktoren stellen praktisch das Fundament für den Erfolg des Webs dar. Gemeinsam haben sie den De-Facto-Standard dafür definiert, wie die wichtigsten Komponenten des WWW zusammenarbeiten und benutzt werden. OpenSim (das freie Second Life Nachbau-Projekt) wäre gerne „das Apache für virtueller Welten“. Momentan ist es aber noch sehr unsicher, ob es das wirklich leisten kann.

Aktuell fällt es schwer zu glauben, dass Second Life die Grundlage für ein Netz von virtuellen Welten, vergleichbar dem WWW sein kann.

Ich selbst bin ein Second Life Anwender der zweiten Stunde (seit 2005) und habe einige Projekte auf dieser Grundlage realisiert. Leider muss ich sagen, dass über die Jahre die grundlegenden Mängel der Plattform immer offensichtlicher wurden. Second Life ist in vieler Hinsicht ein großer „Hack“, ein komplexes Softwaresystem, erstellt von einem scheinbar überforderten Entwicklungsteam. Es ist nicht so, dass der Software Feature fehlen. Die werden ständig ergänzt. Sowohl die Server- als auch die Client-Seite sind einfach sehr unstabil und haben große Qualitätsmängel. Das resultierende Gesamtsystem ist so mangelhaft und zeigt eine so schwache Performance, das es eigentlich nur für echte Enthusiasten akzeptabel ist.

Um diese scheinbar sehr subjektive Aussage zu illustrieren: das Entwicklungsteam einer freien Second Life Client-Software ist stolz, es geschafft zu haben, den Anteil der Benutzersitzungen, die mit einem Crash enden, auf unter 15% gedrückt zu haben. Und das ist die offizielle Angabe. Je nachdem, was ich in Second Life tue, und welchen PC ich verwende, liegt meine Crashrate an einigen Tagen bei 30% oder 50%. Man braucht sich keine Gedanken darüber machen, welche Akzeptanz das Web (oder Textverarbeitung am PC) hätten, wenn Browser (oder Textverarbeitungsprogramme) so häufig abstürzen würden. Diese Qualität ist für die Akzeptanz außerhalb eines kleinen Kreises von Hardcore-Usern tödlich.

Nun könnte man ja sagen „OK, aber das ist bei neuer Software ja immer so.“ Ja, aber Second Life ist keine neue, experimentelle Software. Es ist eine Plattform, die seit 10 Jahren entwickelt wird, und die hinsichtlich der Systemstabilität seit 5 Jahren keine deutlichen Fortschritte mehr gemacht hat. Das deutet auf massive Mängel in der Software-Architektur hin, die meiner Erfahrung nach durch laufende Verbesserungen nicht aus der Welt geschaffen werden können. So etwas muss von Grund auf neu entwickelt werden.

Und - obwohl ich kein Experte für den internen Aufbau von OpenSim bin - scheint es mir in der Außenbetrachtung so zu sein, als ob dessen Komponenten eine Vielzahl der Probleme von Second Life geerbt haben. Die wesentlichen Schwächen (Performance und Stabilität) sind auch hier mehr als sichtbar. Das ist auch kein Wunder: auf der Client-Seite wird zu einem großen Teil die CodeBasis von Linden Lab verwendet. Und auch die Kommunikationsarchitektur (für den Datenaustausch zwischen Client und Server) muss in weiten Teilen mit der von Second Life identisch sein. Ich würde es trotz einer sehr enthusiastischen Entwicklergemeinde deshalb als zumindest zweifelhaft ansehen, dass dieses Projekt eine deutliche stabilere und performantere Gesamtlösung auf die Beine stellen kann.

Alternativen?

Leider, leider ist derzeit aber keine andere Plattform sichtbar, die die Flexibilität und Offenheit bietet, die bei Second Life (bzw, OpenSim) sichtbar ist, und die ich für unerlässlich halte. IMVU, Blue Mars und Twinity (der deutschen Firma Metaversum) sind monolithisch, haben keine wirklich offenen Schnittstellen und werden von jeweils einer Firma komplett kontrolliert. IMVU kann zudem bestenfalls größere „Räume“ darstellen, während Blue Mars und Twinity Entwicklungstempo und Wachstum gedrosselt haben (Geldmangel?)

Die Entwicklung einer solchen Plattform ist aber kein trivialer Job, den drei Jungs in der Garage mal eben nebenbei erledigen. Ich denke deshalb, dass wir noch drei bis fünf Jahre warten müssen, bis ein Satz von Software-Komponenten und Standards in hinreichender Qualität bereitsteht, um dann wirklich das Apache und Mosaic der virtuellen Welten darstellen zu können.

Keine rosigen Aussichten, ich weiß. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ich mich in täusche. Vielleicht sind die OpenSim-Server ja eine stabilere Grundlage als ich denke und irgendein anderes Team baut einen robusten Client dazu, der sich vom Linden-Lab-Erbe löst. Dann müssen wir vielleicht nur noch ein bis zwei Jahre warten. Eine hoch spannende aktuelle Entwicklung in diesem Bereich ist zum Beispiel Avination, die erste Endkunden-orientierte Welt auf OpenSim-Basis, die deutlich besser ist, als ich noch Ende 2010 für möglich gehalten hätte.

Aber egal, ob noch ein, zwei oder fünf Jahre vergehen: tot ist die Idee der virtuellen Welten nicht. Die Renaissance ist nur eine Frage der Zeit.

 

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Adaptives Web-Layout breitet sich aus

Wie man dem einen oder anderen Post hier entnahmen kann, bin ich ja ein großer Verfechter der Idee adaptiver Websites. Wem dieser Begriff nichts sagt: damit meine ich Websites, die versuchen, die Informationen, die über einen Besucher zur Verfügung stehen, zu nutzen, um diesem Besucher die Informationen optimal zu Verfügung zu stellen. (Mehr Details dazu hier.) Ein Aspekt dieser Idee (wenn auch bei weitem nicht der einzige) ist das adaptive Layout, das manche Webdesigner auch "fluid design" nennen. Man könnte auch "intelligentes Layout" sagen, denn Webseiten mit adaptivem Layout passen sich an die Größe des Bildschirms bzw. des Fensters automatisch an. Auch diese Website macht das zum Beispiel - zum Ausprobieren einfach mal das Fenster deutlich kleiner machen und dann wieder groß ziehen.

Die technische Umsetzung dieser Idee ist in modernen Browsers kein Hexenwerk. Selbst eine Allerwelts-Site, wie die des Internet-Providers 1&1, nutzt diese Möglichkeit.

Hier die Version für Bildschirme mit bis zu 1024 Pixel Breite:Homepage 1&1 adaptiv (kleine Version)

Und hier die Version für größere Bildschirme:Homepage 1&1 adaptiv (grosse Version)

Wie man sieht, werden hier bei der Größenänderung nicht nur die Elemente größer oder kleiner. Die große Version verwendet 4 Produkt-Teaser statt Dreien in der kleinen Variante (noch breitere Bildschirme zeigen fünf Produkte). Und aus einem zweispaltigen Layout wird ein dreispaltiges, wenn der Platz dafür da. Technisch ist das, wie gesagt, kein Hexenwerk. Aber selbstverständlich müssen sich die Designer und UX-Experten nach wie vor Gedanken machen, wie sie die Anpassung an unterschiedliche Bildschirmgrößen konzeptionell lösen.

Bei 1&1 sind das natürlich noch sehr simple Anpassungen, aber sie zeigen schon die Vorteile des Prinzips: die zur Verfügung stehende Bildschirmfläche wird besser genutzt - und zugleich ist der visuelle Gesamteindruck stimmiger, als wenn man das Layout auf 1024 Pixel optimieren und bei größeren Bilschirmen einfach nur Freiraum ergänzen würde. Schön wäre es, wenn 1&1 auch gleich Smartphones mit einem eigenen Layout beglücken würde. Aber, man kann nicht alles haben.

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