Schnee und Komplexität
Als ich gestern Abend "die Hunderunde" machte, hatte der Schneefall gerade aufgehört. Es hatte den ganz Tag geschneit; mal große Flocken, mal kleine. Die frische Schneeschicht war etwa 5cm stark und hüllte die ganze Landschaft ein. Alles war soft, alles Eckige verborgen und abgerundet. Und um 21:30 war eine fast schon unheimliche Stille "präsent".
Gut, unser Haus liegt am Rande der Stadt. Der Himmel hatte deshalb diesen leichten Stich ins Orange, wie über allen Städten mit Quecksilberdampf-Lampen. Schwarzer Himmel wäre noch besser. Aber auch so war es beinahe perfekt. Ich habe mich bei dieser späten Hunderunde nicht beeilt, wie sonst um diese Zeit. Es war kalt - aber zu schön. Und ich habe tatsächlich eine große Runde gemacht und mich danach hinterher noch eine ganze Weile aufs Sofa gesetzt, sämtliches Licht im Haus ausgemacht und einfach nur geschaut.
Was ist es, dass die meisten Menschen in unseren Breiten eine verschneite Landschaft so schön finden läßt. "Kindheitserinnerungen!" sagen manche. Aber auch Kinder finden die weiße Schicht ja klasse - nicht nur als Rohmaterial für Schneemänner und -Bälle. Liegt es daran, weil es "etwas Besonderes" ist? Mag sein ... hier bei mir in der südostwestfälischen Provinz ist es tatsächlich extrem selten, so eine bilderbuchperfekte Version von "harmlosem Winter" zu sehen. Aber nicht alles, was selten ist, wird als schön empfunden.
Ich denke, viele Menschen empfinden eine solche Landschaft als schön, weil die Schneeschicht die Welt elegant, einfach, klar macht, die (tatsächlich ja vorhandene) unbegreifliche Komplexität auf ein menschliches Maß reduziert. Die Vielfalt der Farben wird reduziert auf Weiß, Grautöne, Schwarz und ein bisschen Dunkelgrün von Blättern und Nadeln. Die filigranen und komplexen Formen verschwinden unter sanften Rundungen, weichen Übergängen. Selbst das akustische Bild der Welt ist "einfacher". Auch jetzt, da ich das schreibe (und noch einmal wieder 2cm gefallen sind), ist es tatsächlich für einen normalen Alltagsmorgen noch sehr "still" hier mitten in der Stadt.
Vermutlich wünsche ich mir die Welt so; klarer, weniger komplex. Und der Schnee macht sie mir - leider nur für einige Stunden - scheinbar so einfach ...
[Bild (CC) by planetlight]