Gestern Abend sah ich im Vorbeifliegen noch Christian Stöckers Artikeln bei SpOn Google will die Weltherrschaft. OMG! :(
Nun hat sich Herr Stöcker auch in der Vergangenheit nicht unbedingt durch Analysen ausgezeichnet, sondern textet vorwiegend mehr oder weniger interessante News aus dem Netz für den Spiegel um. Das macht er sehr ordentlich. Ich lese das gern, wenn ich nicht die Zeit habe, meinen Feedreader wirklich auszuräumen. Aber dieser Artikel? Und diese Headline? Wäre es die Bildzeitung, würde ich mir nichts weiter denken. Aber so eine Headline - als Fakt formuliert - im Spiegel (wenn bislang auch nur online)?
Kinners, egal, wie man über Googles Aktivitäten denken mag, und wie groß die Gefahren dahinter tatsächlich sein mögen:
Bei Google plant niemand die Weltherrschaft. Die wollen nur spielen! ;-)
OK, selbstverständlich kann ich das nicht beweisen, aber ich habe mir zum Prinzip erhoben, niemals bösen Willen zu unterstellen, solange andere Erklärungsmodelle plausibel sind. Alles andere macht Menschen zu Paranoikern und Misanthropen. Und für das Phänomen Google gibt es ein viel näher liegendes Erklärungsmodell.
Das "Problem" bei Google ist: das Unternehmen hat
- eine unglaublich große und leistungsfähige "Maschine" gebaut
- ein paar Tausend der intelligentesten Menschen der Welt in sein Team geholt
- die haben ständig neue Ideen, was man mit dieser Riesenmaschine machen kann
Bei diesem Menschen sind viele junge Männer. Und was wollen junge Männer, wenn sie eine große Maschine in der Hand haben? Spielen! Sie nennen es natürlich anders, aber im Grunde ist das, als würde ein kleiner Junge vor einem Riesenbagger stehen. :) Man kann es auch anders formulieren: Da ist also dieser junge Ingenieur oder ein Team von Ingenieuren und Wissenschaftlern. Die haben eine coole Idee, etwas Großartiges, was niemand zuvor gemacht hat oder machen konnte, etwas cooles, das Millionen Menschen sehen, nutzen und sogar nützlich finden würden. Und sein Team hat die Mittel hat, diese Idee umzusetzen, diese Riesenmaschine, die kein anderer hat.
Erwartet ernsthaft jemand, das die sich dann bei einer Pepsi zusammensetzen, drüber nachdenken und zu dem Entschluss kommen "Nee, also, wenn wir diese Woche noch einen neuen Service rausbringen, könnte das ja so aussehen, als streben wir die Weltherrschaft an und wollten alle anderen platt machen. Das lassen wir mal lieber."
OK, war ne retorische Frage. ;-)
Hinter der ganzen Flut von neuen Produkten bei Google steht kein Masterplan zur Weltherrschaft. Dahinter stecken viele kleine Teams sehr sehr schlauer Leute, die alle Nase lang wirklich gute Ideen haben und die Mittel, diese in die Tat umzusetzen. Will ihnen ernsthaft jemand vorwerfen, dass es finster ist, wenn sie das auch tun?
Viele werden mich mit dieser Haltung der sträflichen Naivität zeihen. Ich persönlich halte das mehr für Realismus ... die Zeit wird's zeigen. Tatsächlich bin ich dann nicht so naiv, dass ich die sehr reale Gefahr nicht sehe, die hinter diesen Aktivitäten verborgen ist, auch, wenn die Absichten dahinter zunächst nicht finster sind. Das Google-Management könnte sich zum Beispiel ändern. Aber dann wäre es dem Geschäftsmodell des Unternehmens immer noch extrem abträglich, wenn Google die Daten gegen die Nutzer missbrauchen würde. Und es wäre deshalb sehr, sehr unklug, das zu tun. Wohler wäre mir trotzdem, wenn es mehr ernst zu nehmenden Wettbewerb gäbe, weitere Unternehmen, die es im Innovationstempo auf diesem Gebiet mit Google aufnehmen würden. Das es die (aktuell) nicht gibt, liegt aber nicht daran, dass Google sie platt macht oder ihnen ein Bein stellt. Google macht nur seinen Job extrem gut - und das ist per se nichts schlechtes.
Um auch mal eine andere Analogie zu behandeln: bei Microsoft war (ist?) das definitiv anders. Da gibt es belegte Zitate des Top-Managements, die eindeutig nachweisen, dass die Firma ein Monopol als Geschäftsmodell anstrebte und alles dazu getan hat, das durchzusetzen; dabei auch mal bis an die Grenzen der Legalität - und leicht darüber hinaus - gegangen ist. Das ist heute nicht mehr (in)offizielle Firmenpolitik und es wäre schön, wenn das so bleibt.
Google-CEO Eric Schmidt als Vertreter eines totalitären Systems?
Stöcker legt dem Google-Boss Eric Schmidt geschickt den Satz in dem Mund "Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich doch keine Sorgen zu machen". Da gehen natürlich bei jedem denkenden Menschen die Alarmglocken an. Aber ... das hat Herr Schmidt gar nicht gesagt. :) Seine Worte waren:
"If you have something that you don't want anyone to know, maybe you shouldn't be doing it in the first place."
Oder, grob übersetzt: "Wenn da etwas ist, was niemand anderes wissen darf, vielleicht sollte man das vielleicht erst gar nicht tun." Das kann man sehr unterschiedlich auslegen. Tatsächlich ist dieser Satz in seiner wortwörtlichen Form (und alles andere ist Exegese) so absurd nicht. Etwas zu tun, wovon niemand anders wissen darf, ist in vielen Fällen wirklich keine richtig gute Idee. Es mag Ausnahmen geben ... Man beachte: er hat nicht gesagt: "wovon die Polizei nichts wissen darf" oder "wovon die Regierung nichts wissen darf" :)
Unabhängig, wie man darüber denken mag: ich würde diesen Satz zumindest mal so erweitern "... zumindest sollte man dann nicht so dämlich sein, darüber in einer Nachricht zu reden, die ein Dutzend Mal von unterschiedlichen Menschen kopiert und abgelegt wird, bevor sie den Empfänger erreicht." Diese gut gemeinte Empfehlung hat nichts mit Google zu tun. Sie hat liegt in der Natur des Mediums Internet.
Geheimnisse und Privatsphäre
Allerdings denke ich, dass durch die vermehrte Nutzung dieses Mediums Internet in den kommenden Jahrzehnten wirklich ein kultureller Wandel stattfinden wird, der zumindest einige absurde Auswüchse des Popanz "Heimlichkeit" aus der Welt schaffen wird. Dass das uns, die wir in einer anderen Kultur von Heimlichkeit und "privacy" aufgewachsen sind, nicht gefallen muss, liegt auf der Hand. Das ändert nichts daran, dass es so kommen wird - und sich die Gesellschaft daran gewöhnen und anpassen wird. Im Zeitalter des Internets ist es sehr, sehr, sehr schwierig, Geheimnisse zu bewahren. Das gilt so für "den kleinen Mann" aber auch für die Mächtigen dieser Welt. Gerade Letztere mussten das in den letzten Jahren immer wieder einmal merken. Und tatsächlich sehe ich da nicht nur ein "Ausspähen" sondern auch eine wachsende Transparenz, die viele gute Seiten hat. Es kommt halt immer auf den Betrachtungswinkel an.
Wer mal Einblick in eine (fiktionale) Gesellschaft nehmen möchte, in der Geheimnisse tatsächlich geächtet bzw. reglementiert sind, dem sein wärmstens das Buch
Earth (deutsch: Erde) von Davin Brin ans Herz gelegt. Spannend ist es auch. Und so unplausibel ist die Darstellung diese Gesellschaft der nahen Zukunft darin nicht.